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Der Ticker läuft: Wie funktioniert Agenturjournalismus?


Meldungen, die von Nachrichtenagenturen an ihre Abonnenten wie Verlage und Medien versendet werden, erreichen oftmals eine hohe Verbreitung. Andreas Cremer studierte internationale Politik und Geschichte am University College of Wales sowie internationalen Journalismus an der City University of London. Über 20 Jahre berichtete er als Politik- und Wirtschaftskorrespondent für Market News International sowie als Unternehmenskorrespondent für Bloomberg und Thomson Reuters. Mit Astrid spricht er darüber, was Agenturjournalismus ausmacht.

Andreas, erzähl uns doch mal, wie ein klassischer Tag in einer Nachrichtenagentur aussieht!

Der Tag beginnt üblicherweise mit der Rücksprache mit dem Frühdienst, um die aktuelle Nachrichtenlage zu erfassen. In der Morgenkonferenz mit dem Chef vom Dienst werden anschließend Themen gesetzt, Termine besetzt und Rechercheanstöße zu aktuellen Themen gegeben. Weitere Konferenzen folgen am Mittag und späten Nachmittag, um den Stand der Berichterstattung zu erfassen und Texte eventuell umzuschreiben, zusammenzufassen und zu aktualisieren.

Was macht Agenturjournalismus aus Deiner Sicht genau aus?

Agenturjournalismus ist Berichterstattung in Echtzeit. Nachrichtenagenturen nehmen eine Schlüsselrolle bei der Bestimmung der wichtigsten Nachrichtenthemen eines Tages ein. Wichtig dabei ist eine möglichst objektive Darstellung der Informationen. Dabei lautet der Leitsatz, dass Genauigkeit immer vor Schnelligkeit geht. Klar ist: Falsche Fakten müssen schnellstmöglich korrigiert werden.


Wie unterscheidet sich die Arbeit eines Agenturjournalisten beispielsweise von der eines Zeitungsredakteurs?

Der Agenturjournalist kennt anders als der Zeitungsredakteur keinen geregelten Redaktionsschluss und ist zu einer möglichst wertfreien und objektiven Darstellung von Informationsinhalten und Ereignissen verpflichtet.


Welche Fähigkeiten sind in einer Nachrichtenagentur besonders gefragt?

Flexibilität, Stressresistenz und ein kühler Kopf sind notwendig, aber auch die Aufgeschlossenheit für neue Themen und Kontaktfreudigkeit.

Vielen Unternehmen ist gar nicht klar, welche Themen für Agenturen wie dpa, Thomson Reuters und Bloomberg überhaupt relevant sind…

Neben klassischen Breaking News wie beispielsweise ein Regierungswechsel, Naturkatastrophen oder Terroranschläge, die als Top News kategorisiert werden, bestimmen auch Kundenprofil und Eigentümer die Relevanz der Themen. Bloomberg priorisiert vor allem Unternehmensnachrichten für seine Bank- und Finanzkunden. Die dpa wiederum greift mit ihren Landesdiensten auch wichtige regionale Ereignisse auf und liefert neben Wirtschafts- und Politiknachrichten auch sogenannte General News, während Reuters sich auf Belange der lukrativen Finanzkunden fokussiert, aber auch Medienkunden durch ein globales Netz von Korrespondenten mit General News versorgt.


Die Halbwertszeit von Nachrichten nimmt im Social-Media-Zeitalter immer weiter ab. Ab wann gilt eine Nachricht für Agenturen als veraltet?

Ein pauschales Ablaufdatum gibt es nicht. Wenn ein Thema von sehr hoher wirtschaftlicher, politischer oder gesellschaftlicher Relevanz ist, können entsprechende Nachrichten auch noch wenige Tage nach erstmaligem Bekanntwerden aktuell sein. Natürlich existiert aber vor allem im Bereich der Wirtschafts-, Unternehmens- und Finanznachrichten ein mitunter extrem ausgeprägter Deadline-Druck. Im Extremfall, zum Beispiel bei Zinsentscheidungen der Europäischen Zentralbank oder Federal Reserve, gelten Meldungen mit wenigen Sekunden Verspätung bereits als veraltet.


Wenn eine Nachrichtenagentur eine Meldung mit einem Fehler versendet, landet diese in der ganzen Welt und wird unter Umständen immer weiter verbreitet. Gibt es in Agenturen das klassische Vier-Augen-Prinzip oder wie versuchen die Journalisten, Fehler zu vermeiden?

Ja, Reuters und Bloomberg schreiben beispielsweise das Vier-Augen-Prinzip für die Slot-Dienste zwingend vor. Dort werden börsenrelevante Informationen aus Finanz- und Anleihemärkten (Ad-hoc-Meldungen) erstverarbeitet, was im Fall von Falschmeldungen zu erheblichen Kursverlusten und auch rechtlichen Streitigkeiten führen kann. Das sicherste Mittel gegen Fehler und falsche Fakteninformationen ist eine gründliche Recherche. Recherchetexte die auf anonymen Quellen beruhen, benötigen mindestens zwei unabhängige Informanten, wobei die Herkunft der Quelle und deren Bezug zum Ereignis dem leitenden Redakteur hinreichend offengelegt werden müssen.

Worauf legen Agenturjournalisten bei ihren Recherchen besonderen wert?

Im Agenturjournalismus zielen Recherchen in erster Linie auf Verlässlichkeit denn auf Exklusivität der Nachrichten, da Agenturen wie dpa und Reuters eine Leitfunktion für die allgemeine Berichterstattung der Medienlandschaft haben. Agenturen produzieren nicht nur fertige Zeitungsmeldungen, sie stellen auch das Basismaterial für TV, Radio, Magazine und Wochenblätter her. Punktgenaue Recherche bei verlässlichen Quellen und Ansprechpartnern ist daher oberstes Gebot. Im Laufe der Zeit kann sich ein Agenturjournalist einen eigenen verlässlichen Informationsbestand zu bestimmten Themen und Unternehmen aufbauen, der unter hohem Zeitdruck ein wichtiges Handarchiv sein kann.


Welche Rolle spielen Analysten für die Recherche?

Sie sind wichtige Zitatgeber für Meldungen von tagesaktueller Relevanz. Zudem helfen sie, Informationen und Ereignisse einzuordnen. Durch ihre Kontakte zur Vorstandsebene der Unternehmen sind Analysten aber auch potenzielle Hinweisgeber für unternehmensinterne Entwicklungen.


Hat jeder Redakteur einen speziellen Themen- /Branchenschwerpunkt, oder konzentrieren sich Agenturjournalisten auf einzelne Firmen?

Bei Reuters und Bloomberg werden die Wirtschaftskorrespondenten im deutschen und englischen Dienst bestimmten Unternehmen zugeteilt und übernehmen entsprechend die vollständige Berichterstattung. Dazu gehört üblicherweise auch die Verantwortung für jeweilige Branchentexte. Ein Unternehmenskorrespondent ist also immer angehalten, die Entwicklungen der Konkurrenten zu reflektieren.


Interessieren sich Nachrichtenagenturen auch für Wirtschaftsthemen kleinerer und mittelständischer Unternehmen?

Auf jeden Fall, wenn es sich um Themen oder Entwicklungen handelt, die einen möglichen industrieweiten Einfluss haben beziehungsweise in ihrer Bedeutung Auswirkungen auf andere Branchen und Unternehmen haben könnten.


Wie gelingt es mir als Unternehmen, eine Nachrichtenagentur auf ein für das Unternehmen relevantes Thema aufmerksam zu machen?

Indem ich als Unternehmen der Nachrichtenagentur einen möglichen exklusiven Zugang zu dem jeweiligen Thema verschaffe! Dies kann ein Interview mit einem Vorstandsmitglied sein, eine Sneakpreview für ein neues Produkt oder eine interessante Einordnung, die das Thema in einen größeren, überregionalen und industrieübergreifenden Kontext setzt.


Nutzen Agenturen auch Footage-Material?

Reuters und Bloomberg verlinken Footage-Material üblicherweise in längeren, umfassenderen Texten und nutzen auch vermehrt Fotos, da bebilderte Meldungen vor allem von Medienkunden wie Zeitungen und Verlagen mit höherer Wahrscheinlichkeit gedruckt werden. Korrespondenten beider Agenturen, die für den Textbereich arbeiten, erstellen auch immer häufiger Kurzvideos auf Pressekonferenzen oder Augenzeugenberichte, die von den jeweiligen TV-Teams für App und Fernsehkanal aufbereitet werden.


Was wünschen sich Agenturjournalisten von PR-Beratern und Pressesprechern der Unternehmen?

Eine möglichst zeitnahe Erreichbarkeit und die Bereitschaft, Informationen auch kritisch zu beurteilen und einzuordnen.

Und was stört Agenturjournalisten an PR-Verantwortlichen besonders?

Es ärgert Agenturjournalisten oftmals, wenn Anfragen unbeantwortet bleiben oder ausgesessen werden, wenn Pressesprecher Schönfärberei betreiben und sich einer kritischen Einordnung der Fakten gänzlich verweigern. Vermieden werden sollten auch der typische PR-Sprech sowie die komplizierte und zeitaufwendige Autorisierungen von Zitaten und Interviews. Unschön ist zudem das telefonische Nachfassen bei schriftlichen Mitteilungen, das nur dem Ziel dient, Journalisten in Richtung Unternehmenssicht zu beeinflussen.

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